HOHE DOSIS

Recherchen zum Fotografischen heute.

14.07.2013
Michael Huey- on the ice, 2012
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Timotheus Tomicek - look and see
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Mattthias-Hermann_Untitled Film still 1.IX.2012
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Peter Dressler. aus der Serie "Wiener Gold", 2011
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HOHE DOSIS
Recherchen zum Fotografischen heute. 

 

Hohe Dosis Plakate

 

Eine Fotohof-Ausstellung an zwei Orten:
 
FOTOHOF Salzburg 19. Juli – 7. September 2013
Eröffnung: Donnerstag, 18. Juli 2013, 19.30
 
ATTERSEEHALLE Attersee 20. Juli – 30. August 2013
Eröffnung: Freitag, 19. Juli 2013, 19.00
 
 
Die Fotografie ist auch im 21. Jahrhundert ein wirkmächtiges Medium der Weltwahrnehmung und Reflexion. In der Ausstellung gehen wir der Frage nach, was das Medium Fotografie heute im Kern auszeichnet – was ist Fotografie „hochdosiert“? Gerade auch in einer Zeit dramatischer technologischer Veränderungen in der Bildproduktion, dem Gebrauch und der Präsentation des Mediums interessiert uns die Untersuchung von Konstanten und Variablen des fotografischen Dispositivs. 
 
Das Motiv auf der  Einladungskarte zeigt ein Stillleben von Matthias Herrmann, in dem Utensilien der professionellen Fotografie – verschiedene Farbfilter – mittels verführerischem Studiolicht in Szene gesetzt werden. Hier kommt der analoge Abbildungsprozess Fotografie in einer historischen Phase selbst zu einem seiner letzten Auftritte: Farbfilter haben ihre Funktion mit Aufkommen der digitalen Fotografie längst verloren und sind Relikte einer vergangenen Zeit. 
 
Auch wenn sich die technologische Basis des fotografischen Prozesses gerade neu formt, bleiben die Fragen an die Fotografie und das Denken über sie über alle Generationen der AnwenderInnen im Wesentlichen dieselben. Die Ausstellung zeigt einen Querschnitt wichtiger österreichischer Positionen mit ganz unterschiedlichen Haltungen und Methoden. 
Anliegen der Ausstellung ist es ganz aktuelle Arbeiten von KünstlerInnen zu zeigen, die das Medium Fotografie in seiner autonomen Form gebrauchen und nicht etwa, wie häufig in der zeitgenössischen Kunst zu sehen, als Transportmittel für andere bildnerische Strategien. Das kuratorische Konzept sieht eine Strukturierung nach Kapiteln vor, wobei die Zuordnung der einzelnen Arbeiten nicht in jedem Fall eindeutig ist – manche Positionen sind wie bei sich überlappenden Schnittmengen auch in anderen Zusammenhängen denkbar. 
In die Ausstellung in der Atterseehalle sind einige zentrale historische von uns als „Ankerarbeiten“ bezeichnete Werke integriert – von Heinz Cibulka, VALIE EXPORT, Horáková + Maurer, Leo Kandl, Friedl Kubelka, Michaela Moscouw, Magherita Spiluttini, Christian Wachter und Manfred Willmann. Diese Werke, die für die jüngere österreichische Fotogeschichte als beispielhaft innovativ und einflussreich gelten können, bilden gewissermaßen den Prolog zu den einzelnen Kapiteln.
 
Die Arbeit am Bild (Medienreflexion - Beschwörung des Materials)
Matthias Herrmann ist, so konnten wir bei unserer Recherche feststellen, einer von vielen zeitgenössischen Künstlern, die auf die schnellen Veränderungen in den technologischen Voraussetzungen der Fotografie reagieren. Während sich Herrmann reflexiv mit einer gewissen Ironie und einem Hauch von Sentimentalität mit den Gegenständen auseinandersetzt, die das Medium in seinem täglichen Gebrauch lange definiert haben, setzen viele jüngere Positionen gegen den Zeitgeist auf die archaische Kraft, die dem analogen Prozess oft zugesprochen wird. So wird in den Arbeiten etwa von Andreas Duscha, Robert Gruber, Michael Part, Elisabeth Schmirl eine vielfältige Materialität beschworen, die Bildwirkungen von reduktionistischen Abstraktionen bis hin zur malerischen Repräsentation ermöglichen.
Die Beschäftigung mit Voraussetzungen und Bedingungen des Mediums - die Medienreflexion - war immer schon im Fokus künstlerischer Auseinandersetzung. Neben den besprochenen "Materialbeschwörungen" werden in der Ausstellung zu diesem Bereich Arbeiten von Franz Bergmüller, Inge Dick, Gertrud Fischbacher, Thomas Freiler, Maria Hahnenkamp, Ilse Haider, Horakova + Maurer, Herwig Kempinger, Hans Kuppelwieser, Lois Renner, Gabriele Rothemann, Nikolaus Schletterer, Günther Selichar, Katharina Struber, Otmar Thormann und Anita Witek präsentiert. Bei den beiden Bildern aus der Paparazzi-Serie der Künstlergruppe G.R.A.M ist die Medienreflexion eine spielerische Auseinandersetzung mit Mechanismen des voyeuristischen Bildgebrauchs in Massenmedien.
 
Der magische Augenblick – hier und jetzt
Jede Fotografie ist unauflöslich mit dem Zeitpunkt und dem Ort ihrer Aufnahme verbunden. Paul Albert Leitners Beiträge zur Ausstellung - eine Zusammenstellung von Selbstporträts und eine Reihe von Einzelbildern betonen durch ihre präzisen Bildlegenden diesen realitätsverhafteten Charakter des Mediums, auch wenn die Inszenierung dieser Realität, etwa in den Selbstporträts gelegentlich eine entscheidende Rolle spielt. Leitners Beiträge ermöglichen auch Einblicke in die Strukturierung fotografischer Archive, bei Leitner handelt es sich um analoge handbeschriebene Karteikarten.
Weitere Positionen in diesem Abschnitt, der sich mit dem selten gewordenen Genre der Street Photography beschäftigt, sind Phillippe Gerlach, Christopher Mavric, Annelies Oberdanner,  Ingeborg Strobl, Timotheus Tomicek und Michael Ziegler. 
 
Die Kombinatorik -  Bildsequenzen
Dieses Kapitel setzt sich mit der bildnerischen Formulierung von Inhalten in Serien auseinander. Das Einzelbild, vom Schnappschuss bis zum elaborierten Tafelbild, wird zur oft filmischen Serie erweitert, Bilder kommunizieren miteinander und gemeinsam dem Betrachter gegenüber. Heinz Cibulkas „Hochgebirgsquartette“ sind zugleich ein künstlerischer Beitrag zum alpinen ländlichen Leben im Bundesland Salzburg wie auch ein prototypisches Beispiel für das Arbeiten mit Bildzusammenstellungen. Peter Dressler schürft in „Wiener Gold“ (2011) in sieben Bildern nach Goldnuggets in einer Straßen-Baugrube in Wien. Die Serie zeigt einmal mehr das Vermögen des österreichischen Staatspreisträgers für künstlerische Fotografie 2013 große Themen, wie etwa die Finanzkrise, mit subtilem Humor in wenigen Bildern zu erhellen. Weitere Positionen sind Anja Manfredi, die mit der Methodik des Tableaux arbeitet, sowie Michael Aschauer, der mit einem technisch avancierten Aufnahmeverfahren ein großes Stück der Westautobahn  - etwa 50 km – in einem Bild darstellt.
 
Soziale Dokumente 
Erich Lessing sprach in einer kürzlich ausgestrahlten Radiosendung aus Anlass seines  90. Geburtstags vom Verlust einer fotografischen Kultur, die die Welt in Fotoalben als Papierbild speichert. Die digitalen Bildermassen auf Festplatten würden seiner Ansicht nach aus technischen Gründen in der Zukunft nicht erhalten bleiben – und man würde nicht mehr sehen können, wie die Menschen gekleidet waren, wie Menschen, Gebäude und Autos auf den Straßen ausgesehen haben.
Wenn auch dieses kollektive visuelle Gedächtnis durch die neuen Gebrauchsweisen der Fotografie als Massenmedium in Gefahr scheint ist das Interesse an der Fortführung der künstlerischen Tradition der Social  Landscape – der Blick auf den Einzelnen, der  einen Blick auf die Gesellschaft ermöglicht - ungebrochen.  
So zeigt sich generationsüberschreitend eine engagierte Fortschreibung einer fotografischen Haltung, die als empathisch-kritisches Teilnehmen am Alltagsleben der Bildprotagonisten bezeichnet werden kann. Beispielhaft steht hier die Serie „Weinhaus“ von Leo Kandl aus den späten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, auf die sich etwa Klaus Pichler in seinen neuen Bildern explizit bezieht.
Die Rezeption von Bildern der Welt verschiebt sich zunehmend von der Ebene der klassischen Bildreportage in Zeitschriften in den Kunstbereich, und hier im speziellen hin zum Medium Buch. So sind Matthias Aschauers Bilder von Attnang-Puchheim Teil eines im Werden begriffenen Buches, eine Art Überprüfung seiner Herkunft, während Paul Kranzlers bereits drittes Fotobuch die soziale Landschaft Oberösterreichs aus verschiedenen Blickwinkeln vermisst. In den von Bernhard Fuchs fotografierten, in ein atmosphärisches Licht getauchten Höfen im Mühlviertel, sind die Menschen abwesend und scheinen doch gleichermaßen präsent: ein Phänomen das die Fotografie seit der Frühzeit  auszeichnet. Bei Angelika Kampfer und Rudi Strobl ist der Mensch hingegen ein unmittelbares Gegenüber. Kampfers berührende und zugleich sachliche Bilder zeigen hochbetagte Menschen im Angesicht des Todes und eröffnen damit eine existenzielle Dimension, bei Strobl ist die Familie mit all ihrem Konfliktpotential Anlass für autobiografische Analyse. Marko Mestrovics begibt sich in seiner Reportage in die Welt des „Müllbarons“, einer subversiv alternativen Welt in Bosnien mit eigener Ökonomie und Regeln.
 
Konstruktionen des Raums als Bild - Recherchen zur Landschaft
Sehr spät, und von Anfang an als Konstrukt gedacht, trat die Landschaftsdarstellung als malerisches Genre ihren Weg in die Kunstgeschichte an. Schon sehr früh hingegen nahmen die Fotografen des 19. Jahrhunderts die Landschaftsdarstellung in ihr Repertoire auf. In ihrer Anwendung heute bedingt der fotografische Apparat nach wie vor durch seine Zentralperspektive den Raum als medienimmanentes Konstrukt. 
Von den großen Entwürfen einer von zivilisatorischen Eingriffen geprägten Landschaft von Markus Krottendorfer, Margherita Spiluttini, Andrea Witzmann, bis zu den kameralosen, direkt abgescannten Landschaftsstücken von Günter Stöger reicht das Spektrum in der Beschäftigung mit dem Thema  des Außenraumes. Aber auch die Auflösung des (architektonischen) Raums und dessen Neu(an)ordnung beschäftigt KünstlerInnen wie Krüger & Pardeller, Anita Witek als Möglichkeit die „natürlichen“ Gesetze der Fotografie zu hinterfragen und eine Brücke vom Abbild zum Sinnbild zu bauen. Weitere Aufarbeitungen dieses Themas liefern Anna Barfuss, Aglaia Konrad, Matthias Kessler und Gregor Sailer. 
 
 
Selbstvergewisserungen - Identität
Die Frage nach Identität ist zweifelsohne eine der am meisten gestellten Fragen in der Auseinandersetzung mit Bildender Kunst heute. Ausgangspunkt ist oft die Inszenierung des (eigenen) Körpers, mit dem Fragen nach Geschlecht, Herkunft und sozialer Zugehörigkeit durchgespielt werden. Die Fotografie hat sich mit dem Auftreten der Body Art in den 1960er Jahren vom Tabu, den Körper in expliziten Posen abzubilden befreit. Friedl Kubelka inszeniert sich bewusst als erotisches Objekt und konterkariert damit gängige feministische Positionen. Matthias Herrmann formuliert in seinen Selbstporträts schonungslos eine homosexuelle Identität im Spannungsfeld von Lust und HIV. Elisabeth Wörndl arbeitet in ihrer Serie mit dem Kleid ihrer Mutter, das sie als originales Requisit ihrer inszenierten Selbstporträts ins Bild setzt. Michael Hueys gesamtes Werk ist eine konzentrierte Spurensicherung einer weitverzweigten amerikanischen bürgerlichen Familie. Heidi Harsieber führt mit den Mitteln des klassischen psychologischen Portraits Künstlerpersönlichkeiten mit ihren Partnern in ein Wechselspiel von Darstellung und Selbstdarstellung. Weitere Positionen in diesem Kapitel sind Sissi Farassat, Anja Manfredi, Michaela Moscouw und Judith Rohrmoser.
 
Diskurs - Geschichte
Fotografie als Klammer von Weltbeschreibung und Zeichen von geschichtlich relevanten Ereignissen, aber auch von privaten Erfahrungen an Orten, an denen sich soziale und politische Wirklichkeiten eingeschrieben haben, hat in den letzten Jahren mehr und mehr Bedeutung erlangt. Nicht das appellative, reportierende Agieren ist hier angesagt, sondern vielmehr das subtile Zusammenführen von persönlich recherchierten Anliegen, die sich in einen bildnerischen Prozess darstellen. Diese nachforschenden Reflexionen kennzeichnen Werke von Caroline Heider, Werner Kaligofsky, Ulrike Lienbacher, Tatiana Lecomte, Markus Oberndorfer, Isa Rosenberger, Wolfgang Thaler und Christian Wachter.
 
 
Filmprogramm
Im Foyer der Atterseehalle wird die Ausstellung permanent durch ein von Siegfried A. Fruhauf in Kooperation mit sixpackfilm kuratiertes Filmprogramm begleitet – im Fotohof findet am 28. August 2013 eine einmalige Aufführung statt.
Filme von: Michael Aschauer (aka m.ash), Miklos Boros, Carola Dertnig, Nikolaus Eckhard, Siegfried A. Fruhauf, KarØ Goldt, Dariusz Kowalski, Claudia Larcher, Nana Swiczinsky
 
 
Liste der ausgestellten KünstlerInnen:
 
Matthias Aschauer - Michael Aschauer - Anna Barfuss - Franz Bergmüller - Miklos Boros - Heinz Cibulka - Inge Dick - Peter Dressler - Andreas Duscha - VALIE EXPORT - Sissi Farassat - Gertrud Fischbacher - Thomas Freiler - Bernhard Fuchs - Philippe Gerlach - G.R.A.M - Robert Gruber - Maria Hahnenkamp - Heidi Harsieber - Ilse Haider - Caroline Heider - Matthias Herrmann - Horáková + Maurer - Michael Huey - Werner Kaligofsky - Angelika Kampfer - Leo Kandl - Herwig Kempinger - Matthias Kessler - Aglaia Konrad - Paul Kranzler - Markus Krottendorfer  - Krüger & Pardeller - Friedl Kubelka - Hans Kuppelwieser - Tatiana Lecomte - Paul Albert Leitner - Ulrike Lienbacher - Anja Manfredi - Christopher Mavric - Marko Mestrovic - Michaela Moscouw - Annelies Oberdanner - Markus Oberndorfer - Michael Part - Klaus Pichler - Hans Pollhammer - Lois Renner - Judith Rohrmoser - Isa Rosenberger - Gabriele Rothemann - Gregor Sailer - Nikolaus Schletterer - Elisabeth Schmirl - Günther Selichar - Margherita Spiluttini - Günter Stöger - Ingeborg Strobl - Rudi Strobl - Katharina Struber - Wolfgang Thaler - Otmar Thormann - Timotheus Tomicek - Martin Vesely - Christian Wachter - Manfred Willmann - Anita Witek - Andrea Witzmann - Elisabeth Wörndl - Michael Ziegler
 
 
Fotohof-Kuratorenteam: 
Brigitte Blüml-Kaindl, Rainer Iglar, Kurt Kaindl, Michael Mauracher